Die Wohnungsgenossenschaft von 1904 e.G. hat einen Ratgeber zum Stromsparen im Haushalt veröffentlicht. Doch die Aktion wirft Fragen auf: Warum setzt die Genossenschaft auf individuelle Verhaltensappelle statt auf strukturelle Investitionen in Gebäudesanierung oder Photovoltaik-Anlagen?
Der Ratgeber richtet sich an Mitglieder und Mieter der Genossenschaft. Er enthält Tipps zur Reduzierung des Stromverbrauchs – von LED-Leuchtmitteln bis zum Abschalten von Stand-by-Geräten. Solche Hinweise sind nicht falsch, greifen aber zu kurz, wenn gleichzeitig strukturelle Maßnahmen fehlen.
Wohnungsgenossenschaften wie die von 1904 e.G. verfügen über erhebliche Gestaltungsmacht. Sie können in energetische Sanierung, dezentrale Energieversorgung und effiziente Haustechnik investieren. Diese Maßnahmen senken dauerhaft die Nebenkosten und entlasten Mieter weit stärker als individuelle Sparappelle. Doch Investitionen dieser Art kosten Kapital – und erscheinen in Geschäftsberichten als Aufwand statt als Service.
Branchenexperten kritisieren die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Praxis. Während große Player wie Vonovia oder LEG Immobilien zunehmend in Photovoltaik und KI-gestützte Betriebskostenoptimierung investieren, setzen kleinere Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften oft auf kostengünstigere Kommunikationsmaßnahmen.
Die Verantwortung für steigende Energiekosten wird damit faktisch auf die Bewohner verlagert. Dass Mieter durch bewusstes Verhalten Strom sparen können, ist unstrittig. Doch der Hebel ist begrenzt: Veraltete Heizungsanlagen, ungedämmte Fassaden und fehlende regenerative Energiequellen treiben die Nebenkosten weit stärker als der individuelle Verbrauch.
Andere Genossenschaften zeigen, wie es anders geht. In München etwa reserviert die Stadt Grundstücke für Genossenschaften, die nachweislich in nachhaltige Projekte investieren. Solche Ansätze verbinden soziale Verantwortung mit ökologischer Notwendigkeit.
Der Ratgeber der Wohnungsgenossenschaft von 1904 e.G. mag gut gemeint sein. Doch ohne flankierende Investitionen in Sanierung und erneuerbare Energien bleibt er ein symbolischer Akt – und lenkt von der eigentlichen Verantwortung der Eigentümer ab. Entscheider in der Wohnungswirtschaft sollten sich die Frage stellen: Wer trägt die Kosten der Energiewende – und wer profitiert von Untätigkeit?

